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Ethik: Autonomie und Menschenwürde

Zunächst wird der Autonomiebegriff angenähert und erläutert, worauf diesbezügliche Grundpositionen aufgezeigt werden zur Beantwortung der Frage, wann Autonomie gegeben ist. Nach Ausführungen über den Respekt vor und den Wert der Autonomie wird der Begriff der Menschenwürde angenähert und ausführlich analysiert.

Bild: Pixabay.com (Peggy_Marco)





Autonomie: Begriff

In einer ersten Annäherung an den Begriff kann Autonomie verstanden werden als:

  • Eigenschaft/Fähigkeit von Personen, selbst über ihr Leben zu bestimmen.

  • Recht von Personen, selbst über ihr Leben zu bestimmen.

  • Zentraler Wert moderner westlicher Gesellschaften.

Autonomie ist ein philosophischer Kunstbegriff, der je nach Kontext unterschiedliche Funktionen besitzen kann, die nicht zwingend immer der umgangssprachlichen Verwendung entsprechen. Einige Beispiele für die mannigfaltige Begriffsverwendung der Autonomie:

  • Legitime Eingriffe in das Leben von Personen (Paternalismus als Beschränkung der Autonomie)

  • Politischer Liberalismus (die Autonomie steht hier im Vordergrund)

  • Moralische Verantwortlichkeit (sie ist vor allem im Kontext von Autonomie relevant)

  • Grundlage der Moral (die Moral leitet sich aus der Autonomie ab)

  • Charakterideal / gutes Leben ("nur ein autonomes Leben ist ein gutes Leben")

Der Kernbegriff von Autonomie als Selbst-Bestimmung hat zwei Dimensionen:

  1. Authentizität: Die Person selbst bestimmt (gemäss eigenen Wünschen/Werten usw.)

  2. Kompetenz: Die Person bestimmt selbst (ist rational, handlungsfähig, willensstark usw.)

Zentrale Unterscheidungen innerhalb des Autonomiebegriffs sind:

  • Personale vs. moralische Autonomie: Als personale Autonomie wird in Anlehnung an John Stuart Mill die Fähigkeit verstanden, über das eigene Leben selbst bestimmen zu können. Moralische Autonomie in Anlehnung an Immanuel Kant ist hingegen die Fähigkeit zur moralischen Gesetzgebung, d.h. autonomes Handeln ist dann immer auch moralisches Handeln.

  • Basale vs. ideale Autonomie: Basale Autonomie ist die Eigenschaft von Personen, aufgrund derer sie Respekt verdienen und aufgrund derer sie gegen Eingriffe in ihr Leben geschützt und verantwortlich für ihr Handeln sind. Ideale Autonomie hingegen ist die Eigenschaft von Personen, die das Ideal eines im empathischen Sinne eigenen (autonomen) Lebens verfolgen.

  • Prozedurale vs. substanzielle Autonomie: Prozedurale Theorien enthalten nur Bedingungen, die keine Entscheidungen oder Lebensweisen ausschliessen, wohingegen substanzielle Theorien solche Bedingungen enthalten können. In prozeduralen Theorien ist z.B. denkbar, dass sich eine Person autonom für ein Abhängigkeitsverhältnis entscheidet.

  • Lokale vs. globale Autonomie: "Lokal" meint Autonomie als Eigenschaft einzelner Handlungen, Entscheidungen, Wünsche und Werte. "Global" meint dagegen Autonomie als Eigenschaft von Personen oder sogar eines gesamten Lebens.

Im Fokus der angewandten Ethik stehen die je erstgenannten Verständnisse des Autonomiebegriffs, d.h. in Debatten angewandter Ethik wird für gewöhnlich mit einer personalen, basalen, prozeduralen und lokalen Autonomie operiert.



Autonomie: Grundpositionen

Als Standardtheorie der Autonomie aus einem bioethischen Blickwinkel (Beauchamp/Childress) ist die Entscheidung einer Person autonom, wenn sie die folgenden strukturellen Grundbedingungen erfüllt:

  1. Intentional: Die Person besitzt die Fähigkeit zum absichtlichen Handeln und sie kann ihre Entscheidung zum Ausdruck bringen und in die Tat umsetzen.

  2. Informiert: Die Person ist kompetent, d.h. sie versteht die relevanten Informationen und die eigene Situation und kann diese in Bezug zu ihren Werten setzen.

  3. Frei von kontrollierenden äusseren Einflüssen: Die Person ist weder Zwang, noch Manipulation, noch sozialem Druck ausgesetzt und trifft die Entscheidung im Lichte ihrer eigenen Werte.

Diese Standardtheorie unterstellt erstens eine personale Autonomie, d.h. es geht darin nicht allein um moralische Entscheidungen. Zweitens müssen die drei Grundbedingungen nur minimal resp. bis zu einem gewissen Grad erfüllt sein (basale Autonomie). Drittens ist sie eine prozedurale Theorie, weil keine Entscheidungen oder Lebensweisen ihrem Inhalt nach ausgeschlossen werden. Und viertens ist sie eine Theorie lokaler Autonomie, weil die Autonomie einzelner Entscheidungen diskutiert wird.


Die beiden Kompetenzbedingungen der Standardtheorie ("intentional" und "informiert") wie auch die Authentizitätsbedingung ("Abwesenheit kontrollierender äusserer Einflüsse") werden in der Debatte um bzw. anderen Theorien über die personale Autonomie erläutert, modifiziert oder ergänzt durch:

  1. Reflexivitätsbedingungen: Die Person entscheidet nur selbst, wenn sie sich mit ihren Wünschen und Werten reflexiv identifiziert ("ich wünsche, dass ich den Wunsch habe, Kaffee zu trinken").

  2. Rationalitätsbedingungen: Die Person entscheidet nur selbst, wenn alle ihre Wünsche und Werte rational und kohärent zusammenhängen (d.h. in die gesamte Lebensführung eingebettet sind).

  3. Historische Bedingungen: Die Person entscheidet nur selbst, wenn ihre Wünsche und Werte historisch gewachsen und mithin quasi individuell authentisch sind, nicht oktroyiert.

  4. Soziale Bedingungen: Die Person entscheidet nur selbst, wenn ihr soziales Umfeld auf eine bestimmte Weise beschaffen ist (z.B. stehen genügend wertvolle Optionen zur Auswahl und es gibt keine Abhängigkeiten, weil ansonsten die Autonomie nicht (voll) ausgeübt werden kann).



Autonomie: Respekt und Wert

Was heisst es, die Autonomie von Personen zu respektieren? Dieser Respekt kann negativ oder positiv bestimmt werden:

  • Negativ: Die Person wird in der Ausübung ihrer Autonomie nicht behindert.

  • Positiv: Die Person wird in der Ausübung ihrer Autonomie (aktiv) unterstützt.

Insbesondere im medizinethischen Kontext wird bezüglich des Respekts vor der Autonomie das "informed consent"-Modell verwendet (Einwilligung nach erfolgter Aufklärung). Demgemäss muss eine Person für die Zustimmung zu einer Behandlung vorgängig mit allen relevanten Informationen versorgt und sie darf in ihrer Entscheidungsfindung nicht beeinflusst werden.


Warum sollte die Autonomie von Personen respektiert werden? Drei mögliche Gründe:

  1. Instrumenteller Wert: Nach Mill wissen Personen selbst am besten, was gut für sie ist. - Das Argument von Mill wird bereits empirisch widerlegt, z.B. durch Drogenkonsum. Zudem scheint Autonomie auch unabhängig ihres instrumentellen Wertes besonders wichtig für uns zu sein.

  2. Intrinsischer Wert: Autonomie wird an sich für wertvoll gehalten, ungeachtet der Folgen; selbst wenn andere Menschen in jeder Situation besser wüssten, was gut für uns ist, würden wir unsere Autonomie nicht an sie abtreten. - Hiergegen ist einzuwenden, dass es manchmal richtig sein kann, wenn andere Personen unsere falschen Entscheidungen nicht respektieren.

  3. Konstitutiver Wert: Autonomie ist für die Realisierung vieler Werte unabdingbar, z.B. für Formen von persönlichen Beziehungen oder bestimmte Weisen eines sinnvollen Lebens. In diesem plausiblen Verständnis ist Autonomie nicht an sich wertvoll, aber auch nicht bloss instrumentell.

Der Wert von Autonomie liegt fundamental darin, dass wir damit Respekt vor anderen Personen zum Ausdruck bringen. Zudem verstehen wir uns selbst als Wesen, die eine eigene Perspektive haben und die eigenen Entscheidungen treffen. Autonomie ist demnach ein wichtiger, aber nicht der wichtigste Wert, er bedarf einer Einordnung u.a. in Prinzipien wie Gerechtigkeit, Wohlergehen, Menschenwürde.



Menschenwürde

In einer ersten Annäherung an den Begriff kann Menschenwürde verstanden werden als:

  • Eigenschaft aller Menschen (und nur Menschen), die nicht verloren werden kann.

  • Recht von Menschen, (nicht) auf bestimmte Weisen behandelt zu werden.

  • Universell gültiger und hoher (höchster) moralischer Wert.

Was aber ist eigentlich "Würde"? Wie ist der Begriff zu verstehen, was muss die Begriffsanalyse leisten?

  • Paradigmatische Fälle: Die Begriffsanalyse muss den paradigmatischen Verwendungen des Begriffs Rechnung tragen. Sie muss verständlich machen, was Würdeverletzungen wie z.B. Folter nach allgemeinem Verständnis zu solchen macht.

  • Zusammenhang mit anderen Begriffen: Die Begriffsanalyse muss den Zusammenhang aufzeigen können, der zwischen der Würde und anderen zu häufig zur Würde in Beziehung gesetzten Begriffen besteht.

Fünf Definitionen resp. Bedeutungsanalysen des Begriffs der Menschenwürde (im juristischen Sinne, d.h. gemäss Verfassung):

  1. Würde als Grundrechte: Vier Grundrechte (Existenzminimum, Freiheit von starken und andauernden Schmerzen, minimale Freiheit, minimale Selbstachtung), die nicht durch andere Rechte aufgewogen werden können, machen die Würde aus. Diese Grundrechte dürfen beispielsweise auch in Notlagen nicht verletzt werden. Der Begriff hat darüber hinaus keine normative Bedeutung.

  2. Heiligkeit des Lebens: Menschliches Leben darf nicht verletzt oder zerstört werden; es bedarf Schutz, Verteidigung und Bewahrung. Menschlichem Leben darf (von Menschen) kein Ende gesetzt werden, dies wäre eine Verletzung der Menschenwürde (Suizid, Mord, Abort usw.).

  3. Kant: Vernunftbegabte Wesen haben einen absoluten Wert, der nicht mit dem Wert anderer Dinge verglichen werden kann. Sie haben Würde, weil sie autonom sind. Autonomie versteht Kant moralisch: Diese Wesen geben sich selbst das moralische Gesetz und sind ihm nicht einfach unterworfen, da es aus der Vernunft hervorgeht. Alle Personen haben dieselbe Würde und dürfen nicht bloss als Mittel zum Zweck behandelt werden. Eine Instrumentalisierung ist gegeben, wenn die Ziele des Anderen in den eigenen Überlegungen nicht zählen (z.B. bei falschen Versprechen).

  4. Würde als Selbstachtung: Würde haben alle Wesen, die zur Selbstachtung fähig sind, d.h. die sich selber qua Menschsein einen Wert zuschreiben und diesen schätzen können. Die Würde ist bei Angriffen auf die Selbstachtung verletzt, z.B. bei Demütigung: Hier verliert man (temporär) die Selbstachtung, da man sich als gedemütigte Person keinen Wert mehr zuschreibt.

  5. Würde als moralischer Status: Würde bezeichnet einen Anspruch, von anderen in bestimmter Weise behandelt resp. nicht behandelt zu werden, nämlich den Anspruch, nicht erniedrigt und gedemütigt zu werden. Dieser Anspruch besteht einerseits darin, dass gleiche Interessen gleich zählen, und andererseits darin, dass man normative Autorität über sich selbst hat, d.h. bestimmen kann, was andere mit uns tun und nicht tun dürfen.


 

Die weiteren Zusammenfassungen zur Ethik und andere diesbezügliche Beiträge finden sich hier.

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