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  • AutorenbildChatty Avocado

Reden wir ein wenig übers Impfen (Teil 1)

Aktualisiert: 14. Juli 2021

Im Seitenwagen der Corona-Krise nimmt auch das Impfthema wieder zunehmend Fahrt auf. Die Fronten scheinen bereits klar abgesteckt: Impfkritiker und Impfgegner sagen schon präventiv "njet", der grosse Rest wartet erst mal ab. Reden wir also ein wenig übers Impfen.


Injektion... äh, Einleitung

Ich habe mich bislang irgendwie nicht wirklich vital fürs Impfen interessiert, wohl vor allem weil ich keine eignen Kinder habe. Jedenfalls keine, von denen ich wüsste. Nun drängen aber im Zuge der SARS-CoV-2-Pandemie je länger je mehr auch Fragen rund ums Impfen an die Oberfläche und deshalb wollte ich mich vertieft mit diesem Thema beschäftigen, gegen das ich (zu) lange immun war. Am meisten spukt mir derzeit die Frage im Kopf herum, ob eine Impfpflicht (nicht: Impfzwang) als ethisch geboten betrachtet werden kann und wenn ja, in welchen Fällen und mit welchen Begründungen.


Diese Beitragsreihe ist der Ausfluss einer ziemlich zeitaufwändigen, unvoreingenommenen und mithin ergebnisoffenen Recherche. Ich habe mich dabei wie üblich auf Wikipedia und den darin zitierten Quellen bedient, zahlreiche Artikel von renommierten Medien gelesen (ja, genau jene die heutzutage von einigen Zeitgenossen als "Mainstream" verunglimpft werden), diverse wissenschaftliche Studien zu verstehen versucht und nicht zuletzt meine Ergebnisse mit ein paar impfkritischen Websites und zwei mir leihweise ausgehändigten Büchern eines prominenten Impfgegners abgeglichen.


Ich gelobe hiermit feierlich, in dieser Beitragsreihe aufrichtig um sachliche Nüchternheit bekümmert zu sein. Trotzdem: Sollte ich auf Dinge stossen, die dermassen hirnverbrannt absurd und/oder jämmerlich dämlich sind, dass sie's einfach nicht besser verdienen, kann ich leider nicht versprechen, auf jeglichen Hohn und Spott zu verzichten. Und genau genommen geht's damit jetzt auch gleich los.



Das Profitmärchen

Es war einmal eine böse, hässliche, von unstillbarer Gier getriebene Pharmaindustrie. Sie produzierte aus rauchenden Schloten unwirksame bis gar schädliche Impfstoffe und vermarktete sie mit schmieriger Verlogenheit, um damit auf dem Buckel des ahnungslosen Pöbels den grossen Reibach zu machen. Die geschniegelten, eitlen Schlipsträger in den prunkvollen Teppichetagen dieser multinationalen Konzerne wussten nur allzu gut, dass die hergestellten Vakzine der reinste Schmodder waren, aber darauf liessen sie lässig einen knatternden Darmwind in ihre massgeschneiderten Seidenunterhösli fahren. Die unter den erbärmlich schlechten Impfstoffen hart leidenden Menschen waren der Managerkaste sowas von komplett egal; wer braucht schon Mitgefühl, wenn er Geld, Koks und Nutten im Überfluss hat?


Und diese widerwärtigen, garstigen Gesellen konnten sich zu allem Unheil auch noch in bequemster Sicherheit wiegen, denn ohne jeden Zweifel würden auch die paar hunderttausend Lohnsklaven ihrer Betriebe niemals auch nur ein Sterbenswörtchen über die finsteren Machenschaften ihrer geliebten Führer verlieren. Sie wurden ja hochanständig bezahlt. Politik, Behörden, Medien und Wissenschaft hielten ebenfalls artig die Schnauze, die hatte man dick geschmiert - und die WHO längst klandestin gekapert. Und nicht zu vergessen das in den Gesundheitseinrichtungen mit Impfungen befasste Personal, es steckte natürlich auch noch mit unter der kuschelig warmen Komplottdecke, damit weder die inexistente Wirksamkeit noch die Schäden der Vakzine je ruchbar würden. Muahahaha!



Die Realität

So ähnlich wie im vorigen Abschnitt klingt das Profitmärchen in den Büchern und auf Webseiten von Impfkritikern. Okay, ich habe das jetzt vielleicht ein ganz klein wenig überspitzt dargereicht. Aber die vorherrschende Meinung besteht in diesen Kreisen offenbar darin, es gebe rund um Impfstoffe eine profitgeile, bis ins Mark korrupte Verschwörung von Weltformat. Nun sollte man angesichts solch heftiger Anschuldigungen doch eventuell mal ein scheues "cui bono" in die Runde werfen: Wem brächte das Ganze eigentlich was und wieviel?


Die 21 grössten Pharmafirmen der Welt machten im 2019 einen Gesamtumsatz von etwa 500 Milliarden Euro. Etwas über fünf Prozent davon entfiel auf Impfstoffe, das wären dann rund 25 Milliarden Euro. Klingt zwar nach viel Knete, aber vom Umsatz kommt ja zuerst mal ordentlich was weg für Herstellung, Vertrieb und Verwaltung. In dieser Branche sind das so um die 75%, bleiben gut 6 Milliarden in den Kassen, bevor dann noch Zinsen und Steuern und so fällig werden. Seien wir gönnerhaft und legen uns auf 5 Milliarden Euro fest, welche unter dem Strich als Reingewinn auf Impfstoffen verbleiben. Wenn wir das proportional zum Umsatz auf die 21 grössten Pharmafirmen verteilen, bleiben beispielsweise für den Branchenprimus Roche noch 500 Milliönchen, das sind etwa drei Prozent von deren Reingewinn.


Ich bin beim besten Willen kein Freund der Pharmaindustrie. Sie ist auch mir rein intuitiv suspekt, weil ich es ganz allgemein schräg finde, dass mit unserem wichtigsten Gut auf privatwirtschaftlicher Basis unanständig viel Geld verdient wird, das grösstenteils die Allgemeinheit über Prämien, Steuern und Abgaben finanzieren darf. Trotzdem: Leute, wenn ihr schon eine Verschwörungstheorie zimmert, dann macht sie doch bitte wenigstens ein bisschen wahrscheinlich und glaubhaft. Für die Summen, die mit Impfstoffen verdient werden können, setzt kein Managermensch einen Weltkonzern unabsehbaren Risiken aus, die den erzielbaren Nutzen um Faktoren übertreffen. Wenn schon Verschwörung, dann aber bitte volle Kanne, zum Beispiel so: Die Impfstoffe sind bloss ein ausgeklügeltes trojanisches Täuschungsmanöver, denn mit ihnen will die Pharmaindustrie gezielt Folgeschäden induzieren. Diese Folgeschäden manifestieren sich aber nicht lebensverkürzend, sondern sorgen für allerlei chronische Erkrankungen, die nur mit teuren Medikamenten des jeweiligen Herstellers behandelt, aber niemals vollständig geheilt werden können. Entzückend, so wird doch mal ein Schuh draus.


Nachdem ich den obigen Absatz fertig geschrieben und etwas später in einem Buch des Impfgegners geschmökert hatte, fand sich diese erweiterte Verschwörungstheorie tatsächlich fast 1:1 wieder. Der Pharmaindustrie respektive dem militärisch-industriellen Impfkomplex wird vorgeworfen, dass quasi sämtliche Zivilisationskrankheiten unserer Zeit wie Allergien, Rheuma, Infekte, Entzündungen, Bluthochdruck sowie Krebs in ihrer Häufigkeit kausal auf ein Jahrhundert der Impfungen zurückzuführen sind. Das Fazit: Impfungen machen krank und alle wissen Bescheid. Belege dafür: Fehlanzeige.


Als ich meine Fassung wieder zurückerobert hatte, drängte sich mir die Frage auf, weshalb der Autor an diesem Punkt eigentlich schon Halt machte. Wenn man den Gedanken nämlich bis zum bitteren Ende fortführte, könnte man gleich das gesamte privatwirtschaftlich organisierte Gesundheitswesen anklagen. Womit wird darin denn Profit erzielt, hä? Nicht mit Gesunden, sondern mit Kranken, jawohl, ergo wird man doch alles dafür tun, damit die Menschen möglichst lange und möglichst schwer krank sind und auch bleiben. Aber huch, der Buchautor ist praktizierender Arzt mit eigener Praxis, diese Konsequenz wäre somit ein ordentlicher Harnstrahl ans eigene Bein gewesen. Clever umschifft quasi.



Das Rasiermesser

Wir kramen hier dann also gerne mal Ockhams Rasiermesser hervor: Was ist denn nun nach gutem Treu und Glauben das wahrscheinlichere Szenario? Entweder dass die Pharmaindustrie im korrupten Geheimverbund mit Abermillionen von Komplizen die gesamte Restmenschheit bezüglich Impfungen verarscht und abzockt? Oder vielleicht doch eher, dass Impfstoffe halt einfach nur Arzneimittel sind mit dem einzigen Sinn und Zweck, Infektionskrankheiten zu bekämpfen?


Ich behaupte keineswegs, in der Wirtschaft werde nie und nimmer irgendwo Schindluder getrieben. Wir wissen leider alle, dass dem nicht so ist, zumal Ethik und Moral im Kapitalismus ja nicht unbedingt systemimmanent sind. Aber je grösser eine Verschwörung gedacht wird, desto unwahrscheinlicher wird sie auch und kapituliert dann automatisch vor ihrer selbstverschuldeten Komplexität. Hinzu kommt noch die Whistleblower-Problematik: Je mehr vertuschende Mitwisser in eine Geheimhaltung involviert sind, desto eher fliegt sie über kurz oder lang auf. Denn irgendein vorwitziges oder meinethalben auch nur geltungssüchtiges Vöglein wird immer am Ende des Winters lustig aufzwitschern. Und dann schmilzt der Schnee. Und wenn der Schnee endlich schmilzt, dann kommt die Scheisse zum Vorschein.


Ich verstehe aber ohnehin nicht, weshalb man sich einem strittigen Thema nicht einfach mal objektiv annähern kann, ohne diese Annäherung auch noch auf ein Fundament aus kruden, völlig unbelegten Behauptungen stellen zu müssen. Das verkompliziert nur alles und leistet auch keinen sachdienlichen, geschweige denn zielführenden Beitrag. Also lassen wir in der Folge das Verschwörungsgedöns schön beiseite und sehen uns dessen unbelastet harte Fakten an. Womöglich gibt es ja tatsächlich gute Gründe, Impfungen gegenüber eine kritische oder sogar ablehnende Haltung einzunehmen. Im zweiten Teil dieser Beitragsreihe werden wir uns zunächst mit der Wirksamkeit von Impfungen beschäftigen.

 

2 Kommentare

2 Comments


Chatty Avocado
Chatty Avocado
Oct 17, 2020

@Ivana C: Recht herzlichen Dank für die Blumen. <3

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Ivana C
Ivana C
Oct 16, 2020

Hach, herrlich erfrischend zu lesen. Ein spannendes Thema bildlich wiedergegeben... mega und bitte mehr davon! ☺️👍

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