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  • AutorenbildChatty Avocado

Reden wir ein wenig übers Impfen (Teil 3)

Aktualisiert: 2. März 2021

Im dritten Teil dieser Reihe wollen wir die Risiken und Schäden beleuchten, die mit Impfungen in Zusammenhang gebracht werden. Dass Impfungen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wirksam sind, haben wir ja bereits im zweiten Teil gesehen.


Der gute alte Hippokrates

Auch medizinisches Personal soll sich nicht unmoralisch verhalten. Zwar leistet heutzutage kein Arzt mehr den hippokratischen Eid in seiner klassischen Form, aber in der Medizinethik gilt gleichwohl der allgemein anerkannte Grundsatz "primum non nocere, secundum cavere, tertium sanare" (erstens nicht schaden, zweitens vorsichtig sein, drittens heilen). Nun sind aber nur die allerwenigsten medizinischen Massnahmen komplett frei von Risiken und Nebenwirkungen, sodass gleich schon der erste Teil des Grundsatzes (nicht schaden) unmöglich in allen Fällen erfüllbar ist. Weil Inaktivität zwecks Vermeidung von Schäden häufig keine besonders kluge Vorgehensweise ist - beispielsweise wenn da einer mit halb weggeballerter Rübe in den Notfall kommt -, sollte man dieses ethische Dilemma tunlichst auflösen, um nicht gleich das gesamte Gesundheitswesen einstellen zu müssen. Den Ausweg bildet die informierte Einwilligung, wonach gegenüber den Patienten stets eine Informationspflicht bezüglich möglicher Risiken und Nebenwirkungen sowie der Erfolgsaussichten besteht.


Über die mit Impfungen verknüpften Erfolgsaussichten (d.h. die Wirksamkeit) haben wir uns im zweiten Teil dieser Beitragsreihe in gewohnt epischer Breite befasst, im Folgenden geht es daher nun eben um die Risiken und Nebenwirkungen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei nicht auf üblichen Impfreaktionen wie Schwellungen oder Rötungen und auch nicht auf den Krankheiten, die im Nachgang zu Impfungen in abgeschwächter Form auftreten können (z.B. Impfmasern). Vielmehr soll es um schwerwiegende Komplikationen gehen, im Wesentlichen um akute Schäden und auch mögliche Spätfolgen.



Sicherheitsmechanismen

Wie stellt man potenzielle oder eingetretene Impfschäden überhaupt fest? Im Zulassungsverfahren werden neue Impfstoffe zwar über mehrere Jahre an tausenden bis zehntausenden Probanden getestet, trotzdem können unerwünschte Ereignisse nur in einem Wahrscheinlichkeitsbereich von 1:1'000 bis maximal 1:20'000 aufgedeckt werden. Will heissen: Sofern ein Impfstoff seltenere Nebenwirkungen oder Spätfolgen mit sich bringt, werden diese im Zulassungsverfahren in der Regel nicht erkannt.


Sobald ein Impfstoff in der Bevölkerung eingesetzt wird, kommen weitere Überwachungsinstrumente zum Zuge: Einerseits werden sogenannten Nachmarktstudien für die Langzeitbeobachtung gemacht, andererseits befasst sich die unabhängige Wissenschaft auch nach der Zulassung mit den Impfstoffen. Last but not least wurde in den meisten Ländern ein Meldeobligatorium für Impfschäden verankert, d.h. Ärzte müssen mögliche Impfschäden den zuständigen Behörden zur Kenntnis bringen. Unter dem Strich gehören Impfstoffe aufgrund der hohen Anforderungen im Zulassungsprozedere und ihrer laufenden Beobachtung nach Markteinführung zu den sichersten Arzneimitteln überhaupt. Was gemessen am grossflächigen Einsatz dieser Impfstoffe aber sehr richtig und nicht minder wichtig ist.



Nutzen-Schaden-Abwägung

Ob eine Impfung vorgenommen werden soll, ist letztlich eine individuelle Kosten-Nutzen-Abwägung und abhängig von einer Risikoeinschätzung. Vereinfacht ausgedrückt sollte man einer Impfung regelmässig zustimmen, wenn dadurch ein höherer Beitrag zur Gesundheit zu erwarten ist als bei Unterlassung der Impfung. Oder anders: Mit Impfung besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit für Impfschäden, ohne Impfung besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit für Infektion und Erkrankung. Der Impfentscheid sollte diese Wahrscheinlichkeiten und die je möglichen Schäden berücksichtigen. Und idealerweise mit in die Waagschale werfen, dass der Entscheid auch die Gesellschaft insgesamt betrifft, dazu später mehr.


Wir wollen diese Entscheidungsfindung am konkreten Beispiel des Masernvirus illustrieren. Die Letalität einer Masernerkrankung beträgt in entwickelten Ländern noch etwa 0.01% bis 0.1%, d.h. zwischen 1 und 10 von 10'000 Menschen versterben daran. Die häufigsten Komplikationen einer Erkrankung sind Lungenentzündung (ca. 3% der Fälle), Gehirnhautentzündung (ca. 0.1% der Fälle mit bleibenden Schäden bei ungefähr einem Drittel der Betroffenen) und SSPE als schwerste, meist tödlich verlaufende Komplikation bei schätzungsweise 4 bis 11 von 100'000 Erkrankten. Die Masernimpfung hingegen führt nur in den seltensten Fällen zu schweren Nebenwirkungen: Bei etwa 2 von einer Million Geimpften (0.0002%) ist ein allergischer Schock zu erwarten, noch seltener wird eine Enzephalitis als Impfkomplikation beschrieben. Chronische Schäden oder gar Todesfälle in Zusammenhang mit der Masernimpfung sind nicht bekannt. Vor diesem Hintergrund dürfte einleuchten, dass eine Impfung, die nach der zweiten Gabe einen Schutz von 99% bietet, eine vernünftige Entscheidung ist - sofern man das Risiko einer Infektion und ihrer Folgerisiken höher einschätzt als das Risiko von Impfschäden.


Nun ist das von "klassischen" Erregern wie den Masern- oder Polioviren ausgehende Ansteckungsrisiko heutzutage in den meisten Industrieländern aber nur noch sehr gering, sodass man bei der individuellen Impfentscheidung durchaus zum Schluss kommen kann, das Impfrisiko sei höher und deshalb sei davon abzusehen. Diese Einschätzung ist zwar objektiv nicht falsch, aber sie ist gleichzeitig auch egoistisch, denn dass man überhaupt zu dieser Einschätzung gelangen kann, ist dem Rest der Gesellschaft zu verdanken, die per Impfung für den Herdenschutz sorgte. Je mehr Menschen von Impfungen absehen und je niedriger damit die Impfrate, desto brüchiger wird auch der Herdenschutz und umso höher fällt dann letztlich wieder das Infektionsrisiko aus. Dabei sollten jene Menschen nicht vergessen werden, bei denen das Vakzin unwirksam ist (ca. 1% der Geimpften) und auch jene nicht, die sich beispielsweise wegen Vorerkrankungen wie Immunschwäche nicht impfen lassen können. Die Impfentscheidung ist somit auch in ethischer Hinsicht alles andere als banal.



Autismus

Die Behauptung, Impfungen würden Autismus begünstigen oder auslösen, hält sich unter Impfkritikern und Impfgegnern ausgesprochen hartnäckig. Wenn man aber bedenkt, dass diese Behauptung auf eine einzige Studie mit einer Stichprobe von gerade mal 12 Kindern zurückzuführen ist, verliert jeder normal vernunftbegabte Mensch eigentlich sofort die Lust zum Weiterdiskutieren. Falls jemandem diese statistische Insignifikanz aber tatsächlich nicht ausreicht, kann man noch ergänzen, dass die Studie inzwischen zurückgezogen worden ist. Einerseits wegen krasser wissenschaftlicher Fehler, andererseits weil u.a. der hauptverantwortliche Studienautor von einer Anwaltskanzlei geschmiert worden war. Diese wollte im Auftrag einiger Eltern der autistischen Kinder die Hersteller der Impfstoffe verklagen und benötigte dafür wissenschaftliche Unterfütterung. Der hauptverantwortliche Studienautor, Dr. Andrew Wakefield, wurde im Mai 2010 mit Berufsverbot belegt. Seither ist er im Hauptamt als Impfgegner tätig.


Gegen die Autismus-These spricht im Weiteren, dass keine einzige der vielen diesbezüglich verfassten Studien einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus finden konnte. Im Gegenteil: Heute gilt dieser Zusammenhang als klar widerlegt. Ebenfalls gegen die These spricht - aber das ist jetzt bloss meine bescheidene Sichtweise -, dass man in den Internetauftritten von Autismus-Interessengruppen und -Selbsthilfeverbänden, die ja durchaus ein vitales Interesse an einem einklagbaren Schuldigen hätten, nicht mal die geringste Andeutung hinsichtlich Impfungen findet (die Ursachen von Autismus sind übrigens bis heute nicht vollständig geklärt).


Aber die Impfkritiker geben keine Ruhe, sie werfen gerne noch in die Runde, die Prävalenz von Autismus hätte seit Mitte des letzten Jahrhunderts kontinuierlich zugenommen und in den etwa gleichen Zeitraum seien ja auch Zulassung und massenhafter Einsatz von Impfstoffen gefallen. Schwuppdiwupp wird aus einer beliebigen Korrelation eine sich prima in die eigene Echokammer einfügende Kausalität gebastelt. Faktisch verhält es sich so: Im Jahre 1943 wurde eine erste, umfassende wissenschaftliche Abhandlung zum Autismus veröffentlicht, welche bis tief in die 1980er Jahre hinein als Standardwerk galt. Das Krankheitsbild wurde darin sehr eng gefasst, es bezog sich lediglich auf den frühkindlichen Autismus. Im Laufe der Zeit erkannte man jedoch die weiteren Subtypen des Autismus, insbesondere das Asperger-Syndrom. Kurzum: Die Definition "Autismus" wurde seit den 1940er Jahren sukzessive breiter ausformuliert, was logischerweise zu einer Häufung entsprechender Diagnosen führte.


Den Hardcore-Impfgegner kratzt das alles nicht die Bohne, er will sich seine Meinung nicht von Fakten madig machen lassen. Und deswegen gibt es noch immer Autoren, die sich nicht entblöden ganze Bücher über den inexistenten Zusammenhang von Autismus und Impfen zu schreiben (meine Fresse, manchmal bereitet mir die Recherche zu meinen Blogbeiträgen schon fast physische Schmerzen. Ich muss mir jetzt glaub's erst mal für ein paar Minuten die Schläfen massieren gehen...).



Weitere Impfschäden

So, jetzt geht's wieder. Den Abschnitt zum Autismus habe ich quasi als Einleitung zur Besprechung der sicheren oder nur vermeintlichen Impfschäden vorangestellt. Dies zur Illustration des postfaktischen Zeitgeistes, der unter gewissen Impfgegnern wild grassiert. Was nicht sein darf, kann nicht sein, und deshalb ist keine rhetorische Turnübung zu halsbrecherisch, um das granitene Fundament der eigenen Weltanschauung gegen jede Realität zu verteidigen. Aber gut, ich wollte ja um sachliche Nüchternheit bekümmert sein, also rufe ich mich zur Ordnung und behandle im Folgenden nun die am häufigsten genannten Impfschäden mit entschlossener Miene und sonder Groll. Wie schon erwähnt soll es dabei um schwerwiegende Schäden gehen, also nicht um gerötete Einstichstellen oder leichtes Fieber.

  • Allergien: Impfungen würden bestehende Allergien verschlimmern oder gar neue Allergien entfachen, so liest man bei Kritikern und Gegnern. Das wurde aber in mehreren umfangreichen Untersuchungen widerlegt. Im Gegenteil konnten für manche Impfungen wie MMR Hinweise gefunden werden, dass die Allergierate bei Geimpften geringer ausfällt als bei Ungeimpften.

  • Immunschwäche: Es ist verständlich, dass verantwortungsbewusste, liebende Eltern zögern, ihren Nachwuchs irgendwelchen Erregern auszusetzen. Sie machen sich Sorgen, dass eine Impfung die natürliche Auseinandersetzung des Immunsystems mit Erregern verhindert und es dadurch nachhaltig geschwächt wird. Oder sie denken, die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes würde durch das Erleben und Durchmachen von Krankheiten gefördert. An diesen Gedanken ist durchaus was dran; auch die Forschung bestätigt, der Kontakt mit Mikroben sei für die Ausbildung eines starken Immunsystems unabdingbar ("geh schön Dreck fressen"). Aber die überwiegende Mehrheit der Wissenschaft ist auch der Meinung, das Immunsystem werde durch Impfungen nicht geschwächt, weil es erstens ja ebenfalls einen Erreger (wenn auch einen abgeschwächten) zu bekämpfen hat, und zweitens weil das Immunsystem tagein tagaus mit Gazillionen anderer Mikroben befasst ist und deshalb die Impfung gegen ein paar wenige besonders gefährliche Erreger nicht ins Gewicht fällt. Fazit: Keine fundierte Studie fand bislang einen Zusammenhang zwischen Impfungen und einer dadurch verursachten Schwächung des Immunsystems.

  • Krebs: Auf impfkritischen Seiten kursiert u.a. auch das Gerücht, Impfungen würden im Verlaufe des Lebens zu einem erhöhten Krebsrisiko führen. Dieses Gerücht wurde in ziemlich zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen nicht nur entkräftet, sondern sogar umgedreht: Diverse Studien kamen zum Schluss, es gebe mögliche bis signifikante Hinweise für einen schützenden Mechanismus, d.h. Geimpfte sind wohl einem niedrigeren Krebsrisiko ausgesetzt als Ungeimpfte.

  • Diabetes mellitus, Multiple Sklerose, Plötzlicher Kindstod - you fucking name it: Man kann sich auf den einschlägigen Websites von Impfkritikern und Impfgegnern so gut wie jeden beliebigen der aufgelisteten Impfschäden vorknöpfen, das Ergebnis der Recherche ist immer dasselbe (und ja, ich habe mir in vielen Fällen die Mühe gemacht): Ein breiter oder vollständiger wissenschaftlicher Konsens, dass es keinen wie auch immer gearteten Zusammenhang oder Beleg gibt.

Regelmässig ins Feld geführt wird auch die Behauptung, es gebe bei Impfschäden eine immens hohe Dunkelziffer, d.h. nur ein Bruchteil dieser Schäden werde bekannt, weil die involvierten Ärzte allesamt ihre Meldepflichten vernachlässigten (sog. "Underreporting"). Wiewohl unbestritten ist, dass nicht alle nach Impfungen auftretenden Komplikationen gemeldet werden, so sollte man auch hier mal die nackten Zahlen beachten. Am Beispiel Deutschland: Jährlich werden ungefähr 40 Millionen Impfungen über die Krankenkassen abgerechnet, aber nur rund 1'000 Verdachtsfälle mit schwerwiegenden Komplikationen gemeldet. Im Jahre 2016 beinhalteten diese Verdachtsfälle insgesamt 15 Todesfälle sowie 53 Fälle mit bleibenden Schäden (die 15 Todesfälle sind keine Teilmenge der 53, obschon die Diagnose "Tod" ja zweifelsohne der denkbar bleibendste Schaden ist). Die Untersuchungen führten bei den Todesfällen keinen Zusammenhang mit Impfungen zutage und bei den Fällen mit irreversiblen Schäden verblieben 24, in denen ein möglicher, sehr wahrscheinlicher oder unzweifelhafter Zusammenhang bestand. Selbst wenn man also von einem Underreporting in der Grössenordnung von 99% ausgeht, beträgt das Risiko eines möglichen bleibenden Impfschadens nur 0.00006% - und dasjenige eines Todesfalls 0%.



Und jetzt?

In diesem dritten Teil ging es nicht bloss um Impfschäden, sorry halt, bisweilen verzettele ich mich, man wird halt nicht jünger, ja? Item, zur Quintessenz: Nach aktuellem Stand des Irrtums sind die heutzutage mit Impfungen verbundenen Risiken ziemlich überschaubar. Natürlich ist jeder Impfschaden einer zu viel, gerade für die Betroffenen. Aber jeder medizinischen Massnahme wohnt nun mal ein Restrisiko inne, das liegt leider in der Natur der Sache. Oder um es mit Gustav Kuschinsky zu sagen:


"Wenn behauptet wird, dass eine Substanz keine Nebenwirkung zeigt, so besteht der dringende Verdacht, dass sie auch keine Hauptwirkung hat."


So lange nun aber der (individuelle und/oder kollektive) Nutzen einer medizinischen Massnahme grösser ausfällt als ihr Schaden, ist es nichts weniger als vernünftig, eben diese Massnahme zu ergreifen. Bei Impfungen scheint das ziemlich eindeutig der Fall zu sein.


Im vierten und letzten Teil dieser Beitragsreihe wird es nebst einer Zusammenfassung noch um meine persönliche Einschätzung der Thematik gehen (insoweit diese nicht ohnehin schon in den bisherigen drei Teilen deutlich zwischen den Zeilen rausgetropft ist).

 

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