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  • AutorenbildChatty Avocado

Durchseuchung? Keine gute Idee!

Aktualisiert: 23. Jan. 2021

Nicht wenige Menschen meinen, man müsse die Eindämmung von SARS-CoV-2 nun beenden und stattdessen zu einer kontrollierten Durchseuchung übergehen. Das ist nach wie vor keine besonderes gute Idee, selbst wenn sie sogar von Kinderärztinnen vertreten wird.

SRF News berichtete kürzlich, in der Altersgruppe jünger als 65 Jahre liesse sich in der Schweiz heuer keine Übersterblichkeit feststellen. In der Kommentarspalte des Berichts war der Grundtenor dann relativ eindeutig: Nun müsse schleunigst zur differenzierten Durchseuchung übergegangen werden; sämtliche Massnahmen seien aufzuheben, damit die wenig gefährdete Bevölkerungsmehrheit wieder normal leben könne. Die Risikogruppen sollten sich in eigenverantwortlicher Selbstbestimmung schützen.


Solche Stimmen gab es schon ganz zu Beginn der Pandemie. Sie scheinen aber je länger je häufiger und lauter zu werden, wie man auch an den diversen Querdenker-Demonstrationen in jüngster Zeit ablesen kann. Ist da vielleicht also doch etwas dran an dieser Durchseuchung?


Wie gefährlich ist das Virus?

Zunächst müssen wir uns fragen, mit welcher Bedrohungslage wir es eigentlich zu tun haben. Es dürfte ja einleuchten, dass man für ein ungefährliches Virus kein Fass aufzumachen braucht, wenn daran so gut wie niemand stirbt oder mit schwerwiegenden Folgeschäden erkrankt. Für die Bestimmung der Gefährlichkeit eines Virus stehen zwei Grössen im Vordergrund: Wie schnell breitet es sich aus und wie tödlich ist es? Bei der Ausbreitungsgeschwindigkeit sind insbesondere zwei Faktoren bedeutsam:

  • Kontagiosität: Übertragungsfähigkeit bzw. Ansteckungskraft

  • Infektiosität: Infektionsfähigkeit nach erfolgter Übertragung

Die Übertragungsfähigkeit eines Virus wird für gewöhnlich vor allem über die Basisreproduktionszahl R0 bestimmt. Für SARS-CoV-2 geht man derzeit davon aus, dass ein Infizierter das Virus im Durchschnitt an zwei bis vier Nicht-Infizierte weitergibt. Zur Infektiosität gibt es indessen noch keine verlässlichen Angaben; man nimmt jedoch an, dass bereits einige hundert bis tausend Viren eine Infektion und mithin Immunreaktion auslösen können (zum Vergleich: Beim Husten werden gut und gerne einige Millionen Viruspartikel ausgeschieden).


Nun zur Tödlichkeit: Das tatsächliche Risiko, an einer Infektion mit SARS-CoV-2 zu versterben, ist auch heute noch Gegenstand diverser wissenschaftlicher Arbeiten und weiterhin nicht abschliessend geklärt. Von entscheidender Bedeutung ist die Infektionssterblichkeit (IFR): Wieviele Infizierte werden durch die Ansteckung getötet? Der wissenschaftliche Konsens lautet darauf, dass SARS-CoV-2 gemäss dem aktuellen Kenntnisstand ungefähr zehnmal tödlicher ist als die Grippe. Relativ sicher ist dabei ein mit dem Alter ansteigendes Todesrisiko: Es beträgt etwa 0,01% bei unter 15-Jährigen und nimmt zu bis ungefähr 10% bei über 80-Jährigen. Zudem sind Männer gegenüber Frauen etwa dem doppelten Todesrisiko ausgesetzt und Begleiterkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Lungen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen die Letalität je nach Fall nochmals deutlich.


Fazit: SARS-CoV-2 ist hochansteckend und für die Risikogruppen - Menschen ab einem Alter von 50 Jahren sowie Menschen, die an einigermassen klar definierten Grunderkrankungen leiden - mit einem gegenüber der saisonalen Grippe sehr deutlich höheren Todesrisiko verbunden. Die Langzeitfolgen einer Infektion mit SARS-CoV-2 müssen bei dieser Betrachtung der Gefährlichkeit aussen vor bleiben, dazu liegen nämlich noch immer keine repräsentativen Daten vor.


Darf man mit diesem Virus durchseuchen?

Mit "darf man" ist gemeint: Macht es medizinisch Sinn und ist es moralisch vertretbar? Das Ziel einer Durchseuchung besteht darin, eine Herdenimmunität zu erreichen, sodass das Ansteckungsrisiko für Nicht-Infizierte aufgrund eines hohen Prozentsatzes bereits immuner Personen vermindert wird. Im Grunde dasselbe Spiel wie bei einer Impfung - nur halt ohne Impfung.


In medizinischer Hinsicht sprechen insbesondere diese Gründe gegen eine Durchseuchung:

  • Immunität: Wir wissen noch immer nicht, ob eine durchstandene Infektion mit SARS-CoV-2 zu einer anhaltenden Immunität führt. Die Indizien deuten zwar darauf hin, aber es wurden auch vereinzelt Fälle von Reinfektionen und/oder abnehmenden Antikörpern beschrieben.

  • Kontagiosität: Eng verknüpft mit der Immunität sind auch die weiterhin bestehenden Unklarheiten hinsichtlich der Frage, ob Menschen mit durchstandener Infektion für andere dauerhaft nicht mehr ansteckend sind. Derzeit liegt darauf noch keine abschliessende Antwort vor.

  • Mutation: Je mehr Wirte ein Virus findet, umso wahrscheinlicher wird eine Mutation. Eine Mutation könnte Bestrebungen hinsichtlich Durchseuchung zunichte machen, sofern diese Mutation zu anderen Immunantworten, Krankheitsbildern oder höherer Letalität führte.

  • Tödlichkeit: Die Letalität des Virus ist nach wie vor ein Fragezeichen. Dieses Fragezeichen wurde zwar kleiner, aber genügend genau bestimmt ist die Infektionssterblichkeit noch immer nicht. Für eine Durchseuchung ist diese Grösse jedoch von entscheidender Bedeutung.

  • Langzeitfolgen: Über die Langzeitfolgen einer Erkrankung an COVID-19 ist weiterhin nur sehr wenig bekannt. Sollten Langzeitfolgen häufig sein, gerade wenn sie gravierend ausfallen, spräche dies ebenfalls sehr deutlich gegen eine Durchseuchung.

In moralischer Hinsicht sind insbesondere zwei Gründe gegen die Durchseuchung vorzubringen:

  • Die Menschen würden trotz weiterhin bestehender substanzieller Unklarheiten, siehe obige Liste, einem gefährlichen und hochansteckenden Virus ausgesetzt. Es käme dabei auch ausserhalb der Risikogruppen zweifellos zu vermeidbaren schweren Erkrankungen und Todesfällen.

  • Bei einer kontrollierten Durchseuchung müssten etwa 20 bis 30% der Bevölkerung - das ist in etwa der Umfang der Risikogruppen in westeuropäischen Ländern - vor einer Infektion geschützt werden. Sicherheit wäre für diese Menschen nur in quasi hermetischer Isolation gegeben.


Spricht auch etwas dafür?

Die Pro-Argumente einer Durchseuchung sind eher hypothetischer Natur. Eine Durchseuchung kann nur dann erfolgreich sein, wenn erstens die erworbene Immunität nachhaltig ist und immunisierte Personen Nicht-Infizierte nicht mehr anstecken können, wenn zweitens während der Dauer der Durchseuchung keine verschlimmernde Virusmutation entsteht, wenn drittens die tatsächliche Letalität relativ niedrig ist, wenn viertens eine Erkrankung nur in seltenen Fällen zu gravierenden Spätfolgen führt und wenn sich fünftens die Risikogruppen optimal schützen können.


Für eine Durchseuchung würde im Weiteren sprechen, wenn alternative Strategien wie die Eindämmung in Summe zu deutlich schwereren direkten und indirekten gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden führten. Diese Argumentation wird von Befürwortern der Durchseuchung gerne und häufig ins Feld geführt, ihr fehlt aber auch heute noch das wissenschaftliche Fundament. Nicht zuletzt ungeklärt ist, welche indirekten Schäden eine Pandemie unabhängig von der gewählten Bewältigungsstrategie verursacht resp. welche direkten und indirekten Schäden je nach Strategie anfallen.


Also: Keine gute Idee!

Die aktuelle Eindämmungsstrategie ist darauf ausgerichtet, Ansteckungen und mithin Erkrankungen und Todesfälle sowie die Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden. Diese Strategie wird in unterschiedlichen Ausprägungen von den meisten Ländern verfolgt und sie war bislang auch in all diesen Ländern mehr oder weniger erfolgreich. Es handelt sich dabei also quasi um eine gut erprobte Behandlungsmethode für eine noch nicht abschliessend verstandene Krankheit.


Die Durchseuchungsstrategie wurde bisher noch von keinem Land aktiv verfolgt. Sie ist im Vergleich zur Eindämmung somit das Äquivalent einer mit hohen Unsicherheiten behafteten, risikoreichen und komplett unerprobten Therapie. Ein Arzt mit einer auch nur rudimentären Vorstellung von Medizinethik wird ohne Zweifel in solchen Fällen zur erprobten Behandlungsmethode greifen und seine Patienten nicht ohne Not einem Experiment mit völlig ungewissem Ausgang unterziehen.


Schlusswort: Ich bringe durchaus grosses Verständnis auf für Menschen, die von der Pandemie nun so langsam aber sicher die Schnauze gestrichen voll haben. Ich nehme mich da ja nicht aus, es wäre jetzt dann schon mal wieder Zeit für uneingeschränktes Leben wie früher. Aber wenn man keinen Bock mehr hat auf die lange Reise und darob aus dem fahrenden Auto springt in der Hoffnung, man komme auf diese Weise schneller an, ist das irgendwie einfach nur blöd.

 

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