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  • AutorenbildChatty Avocado

Ökonomie der Pferdescheisse

Aktualisiert: 26. Juni 2021

Die Trickle-down-Theorie: Wirtschaftswachstum und allgemeiner Wohlstand der Reichen sickern nach und nach in die mittleren und unteren Gesellschaftsschichten durch und sorgen auch dort für Wohlstand. Klingt prima. Funktioniert aber genau gar nicht.

In seinem Wahlkampf 2016 kündigte Donald Trump in gewohnt superlativer Rhetorik die grösste und beste Steuerreform aller Zeiten an. Er und die ihm kadavergehorsam folgenden Republikaner wollten den Beweis antreten, dass Steuergeschenke an Reiche und Grosskonzerne zu Wirtschaftswachstum führen und dieses Wachstum dann zu Wohlstand für die gesamte Gesellschaft. Man bediente sich mal wieder der Trickle-down-Theorie von Nobelpreisträger Milton Friedman und seinen "Chicago Boys", obschon dieses Konzept nirgendwo je die prognostizierten Effekte zur Folge gehabt hatte. Aber das Versprechen von Steuersenkungen verkauft sich halt gut im Wahlkampf.


Wenig erstaunlich also, dass sich in den USA bereits im 2019 vor der Corona-Pandemie zeigte: Das Experiment ging für die Gesellschaft ganz tüchtig in die Hosen. Ein substanzielles Wachstum stellte sich nicht ein, stattdessen stieg die Staatsverschuldung wegen der Steuerausfälle auf neue Rekordwerte an. Für Reiche und Grosskonzerne hingegen war die Steuerreform ein wahrer Segen, sie reduzierte deren Ausgaben um ungefähr 2 Billionen Dollar. Insgesamt war das Resultat eine Umverteilung von unten nach oben und mithin in etwa das genaue Gegenteil des Heilsversprechens der Trickle-down-Theorie.


Sternstunden der Ungleichheit

Eine weitgehend deregulierte (neoliberale) Wirtschaftsordnung hat eine verschärfte Ungleichverteilung der Einkommen und Vermögen zur Folge: Immer weniger Menschen besitzen immer mehr. Eine Studie der Hilfsorganisation Oxfam deckte auf, dass es im Jahre 2017 weltweit etwa 2'000 Dollarmilliardäre gab und der Reichtum dieser kleinen Elite binnen Jahresfrist um 762 Milliarden Dollar gewachsen war. Mit anderen Worten nahm das Vermögen dieser ungefähr 2'000 Personen im 2017 um durchschnittlich je 380 Millionen Dollar zu. Noch kräftigere Farben gewinnt das Bild der Ungleichverteilung mit den Daten der Grossbank Credit Suisse: Im Jahre 2017 vereinten die reichsten 42 Menschen unseres Planeten gleich viel Vermögen auf sich wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung - damals ungefähr 3,7 Milliarden Menschen. Und in den USA besassen die drei (!) reichsten Menschen im 2017 gleich viel Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte des Landes - ca. 160 Millionen Personen.


Die weltweiten Einkommen und Vermögen sind heute geradezu pervers ungleich verteilt und diese aktuelle Ungleichverteilung ist eine direkte Folge neoliberaler, auf die Trickle-down-Theorie setzender Wirtschaftspolitik. Ab den 1980er-Jahren verfolgten unter anderen Ronald Reagan in den USA oder Margaret Thatcher in Grossbritannien eine solche Politik, in den letzten paar Jahren insbesondere Donald Trump in den USA oder Boris Johnson in Grossbritannien.


The cake is a lie

Die Verfechter der Trickle-down-Theorie aus Politik und Wirtschaft wenden hier dann gerne ein, diese Ungleichverteilung sei keineswegs problematisch, sogar im Gegenteil, denn es verhalte sich gemäss der Theorie doch so: Wenn der ganze Kuchen stets grösser werde, dann würden nicht nur die fetten Stücke für die bereits Vermögenden fetter, sondern auch die Krümelchen für den gemeinen Arbeiterpöbel. Diese Annahme ist zwar nicht vollständig falsch, sie hat aber mindestens einen gravierenden Schönheitsfehler: Der Kuchen wird nicht (und wurde noch nie) proportional für alle grösser, die fetten Stücke wachsen nämlich mit einer ungleich höheren Rate als die Krümel.


Und also öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich ungehemmt immer weiter. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung konnte in nur gerade zehn Jahren (2008 bis 2017) sein Kuchenstück von 42,5% auf 50,1% des globalen Gesamtvermögens verbreitern. Oder anders: Im Jahr 2017 garnierte das reichste Prozent der Weltbevölkerung 82% des Vermögenszuwachses ab, wohingegen für die ärmere Hälfte des Globus eine rote Null resultierte. Etwa 60% der Erdbevölkerung müssen heute ein Leben in bitterer Armut fristen und mit maximal 10 Dollar pro Tag - oft deutlich weniger - ein Auskommen finden. Nach wie vor besonders armutsbetroffen ist der globale Süden (Lateinamerika, Afrika, Südostasien). Unter dem Strich sickert demnach bewiesenermassen so gut wie nichts durch, Krümel bleiben Krümel.


Wer hat, dem wird gegeben

Die neoliberalen Dogmatiker setzen sich dennoch weiter mit Feuereifer für die Trickle-down-Theorie ein, die im Wesentlichen, siehe USA unter Trump, mit Steuersenkungen für Grosskonzerne und Reiche operationalisiert wird. Die Idee dahinter etwas detaillierter ausgeführt: Wenn Grosskonzerne weniger Steuern zahlen, investieren sie mehr, und wenn Reiche weniger Steuern zahlen, konsumieren sie mehr. Beide Effekte sollten zu einem Wirtschaftswachstum führen - und Wachstum bedeutet zumindest quantitativ höheren Wohlstand für alle. Dieses Konzept ist jedoch eine Illusion, eine ökonomische Schimäre, denn bis heute existieren keinerlei Beweise oder empirische Befunde zur Abstützung und Rechtfertigung einer solchen angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. In der Realität führen die Steuererleichterungen bloss dazu, dass Reiche und Mächtige noch reicher und mächtiger werden.


Ein gesamtgesellschaftlich positiver Einfluss entsteht durch die Trickle-down-Theorie nicht, weil erstens zusätzlicher Reichtum das Konsumverhalten bereits reicher Menschen wenig bis gar nicht fördert. Was will man denn noch kaufen, wenn man schon alles hat, einen privaten Teilchenbeschleuniger vielleicht? Zweitens lösen mehr Geldmittel in den Taschen von Grosskonzernen nicht per se Investitionen aus. Kein Unternehmen produziert blind vor sich hin, sondern nur dann, wenn auch eine Nachfrage zu erwarten ist. Wenn aber die privaten Haushalte der Unter- und Mittelschicht nicht genug Geld haben, vergrössert sich die Nachfrage maximal im Umfang des Bevölkerungswachstums. Die Unternehmen nutzen das zusätzliche Geld aus Steuererleichterungen daher eher für höhere Löhne und Boni zu Gunsten der Topverdiener oder für Aktienrückkäufe und dergleichen mehr. Durchsickern? Komplette Fehlanzeige!


Wirtschaftspolitischer Knieschuss

Die Trickle-down-Theorie verfehlt ihre Ziele weitestgehend. Mehr noch: Studien des Internationalen Währungsfonds und des Center for American Progress ergaben, dass sich diese Politik unter dem Strich sogar kontraproduktiv auf die Wirtschaftsleistung einer Nation auswirkt und durch die wachsende Ungleichverteilung auch viele weitere gesellschaftliche Probleme zunehmen. Die Trickle-down-Theorie entpuppt sich als durch und durch verabscheuungswürdige Klientelpolitik für ein paar wenige Reiche und Mächtige auf dem Buckel der Restmenschheit, sie ist hochkant an der Realität und insbesondere an der Moral gescheitert. Höchste Zeit also, dass diese Erkenntnis endlich auch in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickert. In jene Schichten also, wo oft traditionell oder gutgläubig selbsternannte Volks- und Wirtschaftsparteien gewählt werden, die sich für den "einfachen Arbeiter" einzusetzen vorgeben - nur um dann mit Konzepten wie der Trickle-Down-Theorie ihre Wähler zu verarschen.


John Kenneth Galbraith, ein kritischer US-amerikanischer Ökonom, bezeichnete die Trickle-down-Theorie zu Recht verächtlich als «horse and sparrow theory»: Man muss einem Gaul nur genug Hafer zu fressen geben, damit in den Pferdeäpfeln auf der Strasse auch etwas für die Spatzen übrig bleibt.

 

Einige Quellen:

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