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  • AutorenbildChatty Avocado

Reden wir ein wenig übers Impfen (Teil 4)

Aktualisiert: 2. März 2021

So, wir haben also "ein wenig" übers Impfen geredet, schön. Nun reden wir doch mal zu Ende, also ich jetzt. Im vierten und letzten Teil dieser Reihe fasse ich die ersten drei Teile kurz zusammen und gebe noch meinen Senf dazu (daher auch das gelbe Titelbild).


Wir fassen dann also mal zusammen, ja?

Man kann die Impfthematik - wie eigentlich jede Thematik - ja grundsätzlich auf zwei Arten angehen: Primär rational oder primär intuitiv. In der rationalen Herangehensweise bedient man sich des Verstands vor allem oder ausschliesslich in dem Sinne, dass man wissenschaftliche Erkenntnisse respektiert. Damit will ich ganz entschieden nicht die Wissenschaft zur Religion hochstilisieren oder zum Ausdruck bringen, sie sei immer unfehlbar und stets über jeden Zweifel erhaben. Das wäre ein grundfalsches Verständnis dessen, was Wissenschaft im Kern ist und was sie leisten will. Nein, ich meine damit, dass wir aktuelle Erkenntnisse, die entlang der grundlegenden Werte der Wissenschaft (u.a. Transparenz, Objektivität, Überprüfbarkeit, Redlichkeit) gewonnen worden sind, nicht ausser Acht lassen und schon gar nicht negieren dürfen, wenn wir zu einer rational begründeten Entscheidung gelangen wollen.


Nun gibt es in der Wissenschaft ja immer mal wieder umstrittene Themen, sei es der Klimawandel oder eben das Impfen. In solchen Fragen liegt man nach meinem Dafürhalten mit Ockhams Rasiermesser (ich weiss, das hatten wir jetzt schon öfters) meist goldrichtig: Wenn eine überwiegende Mehrheit der Forschenden Antwort A für richtig hält, dann dürfte die Wahrscheinlichkeit hoch sein, dass eben diese Antwort A die richtige ist. Oder etwas weniger abstrakt: 100 Menschen stehen beieinander, blicken nach oben und 99 von ihnen sagen "oh, wie schön blau der Himmel doch heute wieder ist". Nur einer meint "euch hat wohl jemand die Lampe ausgeblasen, der Himmel ist doch ganz klar grün". Der Aussenseiter wäre nun gut beraten, sich mal eben am Hinterkopf zu kratzen und dann die gelb getönte Sonnenbrille abzusetzen. Aber zurück zum Thema, zusammenfassend heisst das:

  1. Verschwörungstheorien sind hochgradig gaga (vgl. Teil 1).

  2. Impfungen sind hochgradig wirksam (vgl. Teil 2).

  3. Impfungen sind hochgradig sicher (vgl. Teil 3).

Jede andere Betrachtungsweise dieser drei Punkte hat keinen primär rationalen Fokus, weil jede andere Betrachtungsweise den aktuellen Wissensstand nicht angemessen berücksichtigt. Ich für meinen Teil bin der Auffassung, in einer Frage, von deren Beantwortung möglicherweise Leben und Tod abhängen, sei zweifelsohne eine primär rationale Herangehensweise angezeigt. Dies insbesondere auch deshalb, weil die Impfentscheidung zumeist nicht für sich selbst gefällt wird, sondern für die eigenen Kinder.


Ich habe keine eigenen Kinder. Aber wenn ich welche hätte, würde ich sie fraglos impfen lassen weil ich überzeugt bin, davon abzusehen sei nicht nur irrational, sondern auch im doppelten Sinne unethisch. Erstens weil dem Kind damit ein nahezu risikoloser Schutz vor potenziell lebensbedrohlichen Infektionen vorenthalten wird. Zweitens weil man sich durch die Impfverweigerung der moralischen Trittbrettfahrerei schuldig macht: Sofern die Impfung nur deshalb nicht vorgenommen wird, weil dank einer bereits hohen Impfrate in der Gesellschaft das Infektionsrisiko verschwindend gering geworden ist und man darob das eigene Kind lieber keinen Impfrisiken aussetzen will, entspricht das unsolidarischer Nutzniesserei.


Man sollte sich vielleicht auch noch vor Augen führen, dass die Impfentscheidung in Industrieländern ein ziemlich mustergültiges "Erste-Welt-Problem" darstellt, dem man sich gemütlich in der behaglichen Stube seines relativen Wohlstands annehmen kann, während man am Chai Latte nuckelt. Zum Kontrast: In anderen Regionen der Welt, beispielsweise in der Demokratischen Republik Kongo (die nicht so wirklich eine Demokratie ist), kam es alleine im Jahre 2019 zu annähernd 300'000 Masernerkrankungen, woran über 5'700 Menschen starben, zu fast drei Vierteln Kinder unter fünf Jahren.



Der Irrsinn der Hardcore-Impfgegner

Ich habe mich für diese Beitragsreihe ziemlich ausgiebig auf Websites von Impfgegnern aufgehalten und wie schon früher erwähnt zwei diesbezügliche Bücher (diagonal) gelesen. Es liegt mir indes fern, diese Internetpräsenzen hier mit Verlinkungen zu adeln, man findet sie bei Interesse aber bedauerlicherweise relativ weit oben auf Google. Ich verzichte auf die Angabe dieser diversen Websites und der Buchtitel, weil das darin Dargebotene aus meiner Sicht streckenweise nicht bloss lächerlicher Unfug ist, sondern bisweilen auch handfest gefährliche Desinformation. Einige Müsterchen gefällig?

  • Die schiere Existenz von Viren wird mancherorts ganz grundsätzlich in Abrede gestellt.

  • Die wahre Auslöserin der Spanischen Grippe soll eine Nebenwirkung der Pockenimpfung gewesen sein. Diese Impfungen sind demnach am Tod von 20 bis 50 Millionen Menschen schuld, weil sie als Impfschaden das Influenzavirus A/H1N1 hervorbrachten. Belege: Keine. Aber huch, plötzlich existieren Viren ja doch. Wie jetzt?

  • Wissenschaftliche Erkenntnisse werden mithilfe einer nahezu undurchlässigen Filterblase weitgehend ignoriert oder sogar direkt negiert. Gleichzeitig hält man sich selbst aber für wissenschaftlich, indem man beinahe ausschliesslich aus anderen impfgegnerischen Quellen zitiert. Der Autor der beiden mir vorliegenden Bücher zitiert auch gerne und häufig sich selbst.

  • Behauptungen nehmen den Platz von Fakten ein. So werden häufige Krankheiten regelmässig als klare Impfschäden deklariert, indem jede auch noch so an den Haaren herbeigezogene Korrelation zur Kausalität erhoben wird. Alles was irgendwie einen ähnlichen zeitlichen Verlauf wie Impfungen hat, findet eben darin einen Schuldigen, der nicht mal einen ordentlichen Prozess verdient. - Eigentlich weckt das eine gute Lust, sich kurz auf dieses Argumentationsniveau hinab zu entwürdigen, man könnte da eigentlich recht ordentlich dagegen halten mit "ja, aber die durchschnittliche Lebenserwartung ist seit Einführung der Impfungen doch kontinuierlich gestiegen, das ist doch der Beweis dafür, dass Impfungen super sind?!"

  • Diverse Varianten von Verschwörungstheorien ohne jedes belastbare Fundament, in aller Regel ist die "Pharma-Lobby" alleinige Ursache jedes Übels (vgl. Teil 1). Verschwörungstheorien scheinen ohnehin eine der Lieblingsdisziplinen harter Impfgegner zu sein. Leuchtet ja auch ein: Wenn man keine Fakten hat, muss irgendwas Anderes stellvertretend herhalten.

  • Artikel wie "AIDS - ein grosser Irrtum", worin der Zusammenhang zwischen AIDS und dem HI-Virus geleugnet wird. Stattdessen werden ohne jede HIV-Beteiligung als Ursachen von AIDS genannt: Promiskuität, Analverkehr, Drogenkonsum und übermässige Einnahme von Antibiotika. - Ja, da fehlen dann auch mir nur noch die Worte, es gibt zu diesem Thema sogar einen eigenen Artikel auf Wikipedia.

  • Aussagen wie (sinngemäss) "Wenn u.a. auf eine ganzheitliche Entwicklung des Kindes-Ichs und den Aufbau des Immunsystems geachtet wird, dann ist bei einer Masern-Erkrankung nicht mit schwersten Komplikationen zu rechnen und es kann auf die Impfung verzichtet werden. Falls trotzdem eine Erkrankung auftritt, können Homöopathen helfen." - Nichts gegen Globuli, aber erzähl das mal den Kindern im Kongo. Wobei: Vielleicht sind dort ja einfach die unfähigen Eltern schuld, dass der Nachwuchs an den Masern zugrunde geht, hm? Arschloch.

  • Auch die Existenz von SARS-CoV-2 wird verneint und es wird ein Preisgeld von 100'000 Euro ausgelobt für jene Person, die den wissenschaftlichen Gegenbeweis antritt. Dieser Beweis ist u.a. dadurch zu führen, dass im Experiment mehrere Gesunde schutzlos dem Virus ausgesetzt werden sollen, um die Infektion und die dadurch ausgelöste Krankheit zu belegen. Spitzenidee.

  • Das Konzept eines Herdenschutzes resp. die eindämmende Wirkung der Herdenimmunität werden bestritten, trotzdem aber jegliche Schutzmassnahmen in Zusammenhang mit der Corona-Krise vehement bekämpft. Macht das irgendwie Sinn? Für Misanthropen vermutlich schon.

Vielleicht darf ich noch ergänzen, dass so ziemlich alle einschlägigen Websites, die ich mir für meine Recherchen angetan habe, unfassbar hässlich und strukturarm sind. Gäbe es in Anlehnung an die Graphologie eine Webdesignologie, so wäre die Diagnose für die Ersteller der Websites zwar wenig schmeichelhaft, hätte aber gemessen am verbreiteten Stuss wohl eine ziemlich hohe Trefferquote.


Mir ist nicht wirklich klar, was bei solchen Menschen schief gelaufen ist, offenkundig aber eine ganze Menge. Hier befinden wir uns jedenfalls definitiv nicht mehr in einer rationalen Herangehensweise an eine Thematik, sondern in einer wahnhaften, von Verschwörungstheorien verseuchten Scheinwelt, die sich jeder Objektivität, ja gar jeder Vernunft entledigt hat. Um aufrichtig in diesen gedanklichen Orkus der harten Impfgegner abzutauchen, muss man zuerst notgedrungen zum Nihilisten mutieren und sich von jedem Vertrauen in Politik, Wissenschaft und Ordnung befreien, damit man sich fortan mit Leib und Seele dem bizarrsten Bullshit verschreiben und als dergestalt Erleuchteter endlich dem wunderbar grünen Himmel ansichtig werden darf. Und dann ist aber wirklich mal höchste Zeit für die Stationäre.


Würde man der abstrusen und menschenverachtenden Logik dieser Leute folgen und jegliche Impfaktivitäten einstellen, dürfte die Menschheit mit hoher Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft noch viele weitere zauberhafte Epidemien und Pandemien erleben, vielleicht gäbe es ja sogar eine globale Aufführung von "Die Pest Reloaded - zurück ins Mittelalter". Und weil genau dieselben Leute auch Präventiv- und Schutzmassnahmen ablehnen (siehe aktuelle Pandemie), würde durch eine ungehemmte Durchseuchung mit jeglichen Erregern sicher auch ein Gutteil des globalen Bevölkerungsüberschusses nachhaltig und ganz natürlich abgeschöpft. Aber hey, immerhin überlebten dann sehr zur Freude des Genpools die mit den robustesten Immunsystemen. Guten Morgen, Eugenik. Boah, ich kotze gleich.


Wohlverstanden: Ich werfe nicht jeden Impfgegner in diesen widerlichen Topf, sondern bloss jene, die sich sehenden Auges solch himmeltraurigem Nonsens wie dem oben auszugsweise dargestellten anheim geben. Von diesen pathologischen Wirrköpfen trenne ich die gemässigten Impfkritiker ab, für deren Anliegen ich wie im nächsten Abschnitt gezeigt ein gewisses Verständnis aufbringe. Ich mache diese Begriffstrennung, weil Kritik im Wortsinn eine echte, offene Auseinandersetzung und Beurteilung voraussetzt, die ich bei den harten Impfgegnern nicht zu erkennen vermag. Und weil es bestimmt auch unter Menschen, die Impfungen ablehnen, ein breites Spektrum an Beweggründen gibt.



Das gewisse Verständnis für Impfkritiker

In meinem sehr nahen Umfeld gibt es Eltern, die ihre Kinder nicht haben impfen lassen und dies wohl auch nicht tun werden. Diese Menschen bedeuten mir sehr viel und sie werden sich, sofern sie diese Beiträge überhaupt lesen, womöglich das eine oder andere Mal mehr oder weniger heftig ans Bein gepinkelt fühlen. Das war zwar nicht meine Absicht, sie werden es mir aber sicher ungeachtet dessen nachzusehen wissen. Die Sache ist nämlich die: Ich kann ein gewisses Verständnis für ihre Haltung aufbringen, weil ich weiss, dass sie ihre Kinder so sehr lieben, wie man Kinder nur lieben kann, und alles für deren Wohlergehen tun würden und auch tun. Und weil mir klar ist, dass sie felsenfest davon überzeugt sind, mit dem Impfverzicht das Beste für ihre Kinder zu leisten. Insofern ist ihr Handeln von einem gesinnungsethischen Standpunkt betrachtet, der den guten Willen ins Zentrum stellt, nicht falsch.


Ich glaube aber, dass diese Menschen - und hier schliesst sich der Kreis so langsam - die primär intuitive Herangehensweise gewählt haben, die eine Skepsis gegenüber der Schulmedizin mit dem innigen Wunsch nach Einbezug alternativer Heilmethoden paart und also vom Wunsch getrieben ist, dem Kind eine möglichst ganzheitliche, natürliche und naturverbundene Entwicklung zu ermöglichen. Diese Grundhaltung teile ich bis hierhin zu 100%. Auch ich finde, es sei generell keine gute Idee, wegen jedem kleinen Scheiss gleich ein Pilleli einzuwerfen. Ursachen- geht vor Symptombekämpfung. Und auch ich finde, dass sich die Menschheit schon sehr weit von der Natur entfernt hat und meine, dies gereiche unserer Spezies in vielen Bereichen nicht zum Vorteil. Alsdann ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir das "Ökosystem Mensch" und unsere Umwelt noch lange nicht in Gänze verstanden haben, womöglich wird das auch nie der Fall sein. So ist durchaus denkbar, dass es für die Gesundheit Einflussfaktoren gibt, die wir noch unterschätzen oder von denen wir schlicht keine Ahnung haben. Aber: Solange wir diese Einflussfaktoren nicht kennen, lediglich erahnen oder bauchgefühlsmässig als richtig einordnen, sollten sie auch dementsprechend gewichtet werden.


Wenn man nun aber dieses eher intuitive oder meinetwegen vielleicht sogar teilweise empirisch belegte Halb- bis Nichtwissen übergewichtet oder sogar vor die rationale Betrachtungsweise setzt, macht man nach meinem Dafürhalten in dem Sinne einen Denkfehler, dass man die Impfentscheidung weitgehend zu einer Glaubensfrage degradiert und den verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht den angemessenen Platz einräumt. Ein solches Vorgehen ist nicht per se zu verurteilen, es gibt ja durchaus diverse Lebensbereiche wie Kunst oder Liebe, die sich quasi naturgemäss einem rationalen Ansatz verschliessen. In Lebensbereichen jedoch, die der Vernunft zugänglich sind - und dazu gehört nun mal auch die Impfentscheidung -, sollte man meines Erachtens in erster Linie Vernunft und Moral walten und erst im wohlbegründeten Zweifelsfalle die Intuition noch das Zünglein an der Waage spielen lassen.



Pflicht und Zwang und Corona

Zum Abschluss noch einige Worte über Impfpflicht und Impfzwang und deren Bedeutung für die Corona-Pandemie. Vorab sollte man die Begriffe scharf trennen: "Pflicht" bezeichnet ein Impfobligatorium, d.h. eine gesetzliche Vorschrift zur Durchführung einer Impfung, der man sich aber unter Inkaufnahme von Sanktionen wie Bussen oder Ausschluss von Veranstaltungen widersetzen kann. Bei einem "Zwang" hingegen darf der Gesetzgeber die Durchführung der Impfung auch gegen den Willen des Individuums und nötigenfalls mit Gewalt vollziehen. Ein veritabler Impfzwang ist im demokratischen Rechtsstaat nur schwer vorstellbar und beispielsweise in der Schweiz nicht mal im Epidemiengesetz vorgesehen. Eben dieses Gesetz sieht jedoch in Situationen mit beträchtlicher Gefährdung der öffentlichen Gesundheit die Möglichkeit einer Impfpflicht vor, die jedoch nur auf vulnerable Bevölkerungsgruppen und Personen mit bestimmten Tätigkeiten, z.B. im Gesundheitswesen, anwendbar ist, nicht pauschal für das ganze Volk.


Der Deutsche Ethikrat hatte sich Mitte letzten Jahres in einer umfassenden Stellungnahme am Beispiel des Masernvirus gegen eine Impfpflicht ausgesprochen. Dies obschon dieser Rat starke Argumente für eine moralische Pflicht seitens der Eltern sieht, ihre Kinder gegen die Masern impfen zu lassen. Leider hielt dies die deutsche Regierung nicht davon ab, gleichwohl eine solche gesetzliche Impfpflicht per März 2020 in Kraft zu setzen. Ich meine, dass es der Politik gut anstehen würde, inskünftig mehr und besser auf Ethiker zu hören. Eine Impfpflicht sollte meines Erachtens erst dann ins Auge gefasst werden, wenn die Gefährdung dermassen hoch und akut ist, dass schlicht keine anderen Massnahmen mehr zur Disposition stehen. Ich habe aber zugegebenermassen keine Idee, wie man "dermassen hoch und akut" sinnvoll konkretisieren könnte. Nach allem, was wir bisher über SARS-CoV-2 wissen, macht mir in diesem Fall aber eine generelle Impfpflicht einen eher unverhältnismässigen Eindruck.

 

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